Robin Hood (2019) Poster

„Robin Hood“-Kritik: Die Superhelden-Adaption, die niemand wollte und trotzdem Spaß macht


Teresa Otto  

Überflüssiger Action-Film oder gehaltvolle Unterhaltung? Pro oder kontra? Mithilfe eines persönlichen Zwiegesprächs des wohl größten Fans zum Thema „Robin Hood“-Verfilmungen, schildern wir euch alle Vor- und Nachteile, die euch in Taron Egertons moderner Fassung im Kino erwartet.

In der modernsten Variation von „Robin Hood“ erleben wir „Kingsman“-Star Taron Egerton muskelbepackt und stets mit einem kessen Spruch auf den Lippen als Titelhelden, der die Pfeile im Sekundentempo auf seine Gegner feuert. Mit dabei: Jamie Foxx als John, Eve Hewson als Marion und Ben Mendelsohn als Sheriff von Nottingham.

Soweit ein passabler Cast für eine Adaption, die wir so bislang noch nicht auf den Leinwänden zu sehen bekamen und definitiv zeitgemäß erscheint. Die spätmittelalterliche Legende von „Robin Hood“ ist ein gern gesehener Stoff für Filmmacher. Er nimmt von den Reichen und gibt es den Armen. Eine große Portion Romantik, ein Quäntchen Gesellschaftskritik und das altbekannte Gut-gegen-Böse-Mantra machen den Stoff zur urtypischen Heldengeschichte, die auch den Weg für heutige Superhelden geebnet hat.

In über 100 Jahren Kinogeschichte erinnert man sich heute noch an das melodramatische Gewand von Kevin Costner, dem epischen Treiben mit Errol Flynn, an akrobatische Einlagen von Douglas Fairbanks, liebevolle Animationen von Disney, die wagemutige BBC-TV-Fassung, an Mel Brooks ulkige Parodie oder zuletzt die historisch akkurate Fassung von Ridley Scott.

Was bleibt da noch übrig in einer Zeitepoche, in der andere Helden wie Batman, Iron Man, Deadpool oder Black Panther die Kinokassen klingeln lassen? Man ahnt es schon: Die Superhelden-Adaption mit modernem Anstrich.

Wenn Bruder Tuck euch mit dem eröffnenden Worten sagt, dass er nicht genau wisse, in welchem Jahr die Geschichte spiele, muss man sich entweder auf die Prämisse des Films einlassen, oder man lässt es gänzlich bleiben. Einen wirklichen Mittelweg findet sich in diesem Vergleich nicht, denn die moderne Fassung trifft nicht jedermanns Geschmack.

Um euch diesen Zwiespalt darzulegen, folgt an dieser Stelle die Autorenmeinung, die im Streitgespräch mit sich selbst den Film analysiert.

Wenn Vernunft und Herz streiten: Die persönliche Autorenmeinung

Bevor es wirklich losgeht, seien euch noch wenige Fakten über meine Person mitgeteilt: Mein Lieblingsfilm wird auf ewig „Robin Hood – Helden in Strumpfhosen“ sein. In Kindheitstagen wurde mir zudem die Kevin Costner Fassung wieder und wieder gezeigt. Ich schätze Disneys Version bis heute, konnte mit Russell Crowes Variation wenig anfangen, lernte Errol Flynn viel zu spät kennen und lieben, habe erst kürzlich erfahren, dass auch Sean Connery einst ein Robin Hood war, fand die BBC-Fassung wagemutig und habe mir seit den Erfolgen des MCU still und leise gewünscht, dass jemand in Hollywood auf die Idee kommt und eine „Robin Hood“-Superhelden-Fassung produziert. Dieser Wunsch wurde mir nun zwar erfüllt, aber welche Stimmungslage sich dabei im Kopf festsetzt, soll euch mein Streitgespräch mit mir selbst schildern.

Stimme der Vernunft: Als allererstes: Wer wollte eigentlich noch einen „Robin Hood“-Film? Es gibt herausragende Adaptionen, die sogar Oscars einheimsen konnten, Millionen Zuschauer in die Kinos lockten und eigentlich jeden noch so erdenklichen Fan zufrieden zurückgelassen haben sollten.

Stimme des Herzens: Ich habe mir immer eine Superhelden-Fassung gewünscht. Jetzt, wo die anderen Superhelden-Filme, die sich auch an von der Legende von Robin Hood bedient haben, salonfähiger geworden sind, ist die Zeit reif, diesen Schritt zu wagen und endlich meinem Lieblingshelden einen Film dieser Art zu spendieren.

Vernunft: Eine Person. Glückwunsch. Das ist eine interessante, aber trotzdem recht einsame Meinung, meinst du nicht auch?

Herz: Ja, na und? Wenn das Kinojahr eh gefüllt ist mit Reboots und Remakes, darf ich mich doch auch einmal über einen Kinofilm über meinen Kindheitshelden freuen.

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Vernunft: Stimmt. Okay. Und? Wie hat dir der Film gefallen?

Herz: Ich mochte ihn. Er war genau das, was ich erwartet hatte. Ein unterhaltsamer Actionfilm, der mich zum Lachen gebracht, sich nicht immer ernst genommen und eine süße Liebesgeschichte zwischen Robin und Marian zu bieten hat. Die Entwicklung vom Adelsmann Robin hin zum (Super-)Helden, der von den Reichen nimmt, um es den Armen zu geben – inklusive Alias und Garderobe – entsprach genau meiner Kragenweite. Klar, man muss sich darauf einlassen, aber ich war sofort bei der Sache und habe mich daran erfreut. Endlich bekam ich meine gewünschte Superhelden-Adaption. Und bei dir?

Vernunft: Ich hatte so meine Probleme. Zum Beispiel an den wackligen Kameraeinstellungen des Kameramanns. Die waren schon so verdächtig schlecht inszeniert, dass man sich konstant fragen musste, ob er es jemals schafft, den Fokus im Film zu finden. Von den schnellen Schnittfolgen will ich gar nicht erst anfangen. Da bekommt man ja Kopfschmerzen!

Herz: Du musst doch aber zugeben, dass die Diebeszüge wirklich smart inszeniert waren. Die Spannung kam auf. Sogar Go-Pro-Kameras kamen zum Einsatz, um einmal Nah beim Action-Geschehen zu sein. Das hatte schon etwas von einem Videospiel. „Assassin’s Creed“ fällt mir da zum Beispiel ein.

Eigene Ideen? Schwierig.

Vernunft: Genau mein Punkt. Eigene Ideen? Schwierig. Du hast doch sicher auch gesehen, wie Taron Egerton in einer Diebes-Szene in Zeitlupe die Pfeile auf seine Gegner schoss, oder?

Herz: Ja, das war super!

Vernunft: … und diese Inszenierung entstammt 1:1 aus „Matrix“. Inklusive dem seitlichen Wegducken.

Herz: Und? Dort waren es doch Kugeln, die Neo abgefeuert hat. Hier musste Egerton monatelang ins Bogenschützen-Training, um wirklich Meister des Bogens zu werden. Wusstest du, dass er wirklich binnen einer Sekunde zwei Pfeile auf bewegende Ziele schießen kann und zielsicher trifft? Nebenbei springt, rennt und robbt er sich durch die Kulissen, kann mit Kurz- und Langbogen umgehen, egal ob mit links oder rechts. Ich nenne das Engagement der höchsten Klasse und das verdient meinen größten Respekt.

Vernunft: Engagement sieht man ja auch in anderen großen Blockbustern. Wo kommen wir denn hin, wenn außer handgemachter Action alles nur von anderen Filmen inspiriert ist? Die Musik und einige Handlungsbögen waren eindeutig von „The Dark Knight“ abgekupfert und Trainingssequenzen sind einfach immer ein „Rocky“-Abklatsch. Da hat tatsächlich nur noch die Treppen-hochrennen-Szene gefehlt. Und was sollte bitte diese Party-Szene, die eindeutig von Baz Luhrmanns „Romeo & Julia“ inspiriert war? Von allen Filmen gerade „Romeo & Julia“!

Herz: Du mochtest den, als wir ihn damals gesehen haben.

Vernunft: Mag sein, aber als wir ihn erst kürzlich wiedergesehen haben, musste ich mich schon häufiger fragen, ob die Macher während der Produktion keine bewusstseinserweiternden Mittel eingenommen haben. Und hier würde ich die gleichen Mittel zumindest nicht ausschließen.

Ben Mendelsohn: Herrlich diabolisch

Herz: Jetzt lass uns doch wenigstens über Ben Mendelsohn als herrlich diabolisch-spielenden Sheriff von Nottingham sprechen. Gibst du mir recht, dass er ein Highlight des Films ist?

Vernunft: In Anbetracht des Gesamtpakets des Films, gehört er noch zu den Glanzstunden, ja.

Herz: Siehst du! Es ist einfach immer wieder toll, wenn Mendelsohn bösartige Charaktere spielen darf. Die perfekte Frisur und das süffisante Grinsen. Zumal er fabulös in das Ensemble mit Taron Egerton, Jamie Fox, Eve Hewson und Jamie Dornan passte. Eine pure Freude.

Vernunft: Aber du hast gesehen, dass er im Grunde eine ähnliche Garderobe wie in „Rogue One: A Stars Wars Story“ getragen hat, nicht? Und genau genommen die gleiche Figur einfach ein weiteres Mal gespielt hat, ja?

Herz: Und was ist so schlecht daran? Einige Darsteller sind bekannt dafür, immer das Gleiche zu spielen. Aber wenn wir diese Konversation hier weiterführen, sind wir morgen noch nicht fertig.

Vernunft: Stimmt leider auch wieder. Wollen wir vielleicht über die anderen Kostüme reden?

Herz: Die waren modern, schön anzuschauen und hatten ihren Charme. Zugegeben, Marians Kleider gaben einen tiefen Einblick.

Vernunft: So aufgedonnert, wie Marian durch die Ländereien zog, musste man sich fragen, was für einen Schrank sie in ihrer Andacht hat. Und was sollte bitte dieses Kleid gleich zu Beginn? „Guck mir in die Augen, nicht auf das Dekolleté.“ Wenn sie das gesagt hätte, dann wäre ich gänzlich vom Glauben abgefallen. Das war ja schon keine Andeutung mehr. Dagegen fällt mir bei der testosterongeschwängerten Aneinanderreihung von Macho-Prinzipien nur ein Wort ein: Kindergarten.

Herz: Ich empfand die „Bromance“ und die Kabbeleien zwischen Taron Egerton und Jamie Foxx als Robin und John erfrischend und hatte viel Spaß. Es war logisch nachzuvollziehen, warum John Robin nach England gefolgt ist und beide gemeinsam ihren Rachefeldzug gegen die Obrigkeit starteten. Die Aufopferung beider für ihre Prinzipien und Moralvorstellungen zog sich ebenfalls wie ein roter Faden durch den Film. Zudem animierte mich Bruder Tuck stets zum Lachen. Obendrein kommt die Sozialkritik an den Strukturen der Kirche in heutigen Blockbuster-Produktionen viel zu kurz.

Einfache Rachegeschichte mutiert zum Stillstand der Kreativität

Vernunft: Stichwort Rachefeldzug. Es war im Kern des Films nichts weiter als eine einfache Rachegeschichte des Titelhelden, verpackt als Ursprungsgeschichte darüber, wie Robin von Loxley zu Robin Hood wurde. Das sieht man so oder so ähnlich hundertfach im Kinojahr und bietet keinen Raum für Neues. Es ist der Stillstand der Kreativität.

Herz: Ach, komm schon! An der simplen Story kann es nicht liegen. Schon viele prämierte und gelobte Filme hatten im Grunde eine einfache Geschichte zu erzählen. „Robin Hood“ brachte mich in vielen Szenen zum Lachen. Daher frage ich: Müssen Filme immer so hochtrabend erzählt sein? Können sie nicht einfach nur durch eine stimmige Inszenierung Spaß machen und unterhalten? Nicht jeder Film will ein Anwärter auf den Oscar für den besten Film sein. Ist das denn zu viel verlangt?

Vernunft: Ja und nein. Ja, Geld regiert auch die Filmwelt. Also bedarf es für ein breites Publikum einer unterhaltsamen Inszenierung, um an den Kinokassen punkten zu könnten. Aber, ich erwarte dennoch ein gewisses Maß an cineastischen Kniffen, um mich zu bespaßen. Und dieses habe ich hier gänzlich vermisst.

Herz: Und ich freue mich, dass ich endlich genau den „Robin Hood“-Film erhielt, auf den ich mich schon so lange gefreut habe. Mich störten solche Probleme nicht.

Vernunft: Ich merk schon. Wir kommen heute nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner.

Herz: Wie wäre es denn, wenn wir das Kriegsbeil begraben.

Vernunft: … und Mel Brooks „Helden in Strumpfhosen“ gucken?

Herz: Du sagst es.

Fazit: Pompös, actionreich und mit rasanten Kamerafahrten

Fazit: Der moderne „Robin Hood“ ist die Adaption der Superhelden-Ära. Pompös, actionreich und mit rasanten Kamerafahrten wird die Legende mit vielen Verweisen zu modernen Filmklassikern wie „Dark Knight“, „Matrix“ oder „Rocky“ inszeniert. Eigene Ideen werden zwar leider schmerzlich vermisst, dennoch findet man Gefallen an der ungleichen Freundschaft zwischen Taron Egerton und Jamie Foxx als Robin Hood und John. Süffisant bösartig mimt Ben Mendelsohn den Sheriff von Nottingham, der eine solide Performance abliefert. Wer sich auf einen unterhaltsamen Film freut, wird nicht enttäuscht und kann den Spaß trotz cineastischer Fehlschläge genießen.

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